Freitag, 17. August 2007

Louis-Ferdinand Céline (* 1894; †1961): "Voyage au bout de la nuit"


„Vielleicht ist es ja das, was man im Leben sucht, nur das, den größten möglichen Kummer, um man selber zu werden, bevor man stirbt“ („Voyage au bout de la nuit“).


Kurt Koma:

Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist eine Abrechnung mit dem Menschsein an sich. Der Mensch und die Gesellschaft, die ihn umgibt, werden als determiniert-boshaft und niedrig dargestellt. Céline verarbeitet in seinem Roman seine eigenen Erlebnisse, seinen von Krankheit gekennzeichneten Aufenthalt in Afrika, oder seine Meldung als Freiwilliger zur Zeit des Ersten Weltkriegs, dessen Ende er psychisch traumatisiert, als Weichling und Vaterlandsverräter diffamiert, in der Psychiatrie verbringt. Fast überall begegnet ihm nur Verschlagenheit, Armut und Tod. Er entwirft das Bild einer kaputten Gesellschaft, deren Hauptmerkmal der Egoismus und deren alles durchdringendes Prinzip die Boshaftigkeit ist.

Diese negative Determiniertheit, mit der er unser Leben beschreibt, wird nur an einer Stelle des Romans durchbrochen, als er in den USA einer Prostituierten begegnet, die ihn bedingungslos liebt. Obwohl er sich dieser Liebe bewusst ist, setzt er, sich selber nicht verstehen könnend, seine Reise ans Ende der Nacht fort. Sein Unverständnis angesichts seiner eigenen Natur und seiner Entscheidung weiter ziehen zu müssen gibt er in dem eingangs genannten Zitat wieder.

Célines Fazit gegen Ende des Romans, er selber sei böse, ist das traurige Eingeständnis, dass die Welt uns mit ihrer grotesken Bosheit, trotz unseres Bemühens, uns dem Guten zuzuwenden, zwangsläufig zu widerwärtigen Kreaturen macht.

In den ganzen 600 Seiten lässt sich seine verbitterte Enttäuschung über den Menschen spüren, die sich später in einen Hass auf alles Jüdische tranformierte. Célines Antisemitismus, der in seiner radikalen Form erst Jahre nach dem Erscheinen der „Reise“ zu Tage trat, hat m. E. einen psychotischen Charakter, der nicht ohne die Lektüre der „Reise“ verstanden werden kann. Ihm – einem Menschen, der bis zu seinem Tod als Armenarzt in Paris arbeitete – pauschal Menschenverachtung zu unterstellen, ist zu einfach gedacht. Einen konkret Schuldigen für die menschliche Misere auszumachen war für ihn aus einer geistigen Schwäche heraus auf Dauer vermutlich bequemer und vor allem einfacher zu ertragen, als die Ursache in der menschlichen Natur zu sehen.


Marco:

Céline, écrivain maudit par excellence, est avant tout l'un des plus grands génies de la littérature française. Comme tu as pour moi parfaitement résumé le Voyage, j'aimerais rebondir sur l'antisémitisme de Céline (qui comme tu le précises fort justement n'est pas présent dans le Voyage) comme conséquence psychotique de sa déception vis-à-vis de l'humanité. On peut trouver les mêmes raisons à l'engagement pro-nazi de Drieu La Rochelle, autre grand écrivain français: tout comme le Voyage au bout de la nuit, Gilles est une oeuvre sur la découverte de l'homme et du dégoût progressif que le genre humain inspire à l'auteur. La recherche d'idéaux nouveaux, le rejet des démocraties hypocrites et responsables de l'hécatombe de la première guerre mondiales, la recherche de valeurs autres que celles de l'argent conduiront Drieu vers le communisme puis le fascisme et finalement à sa perte. Tout comme son héros dans le "Feu follet" (d'ailleurs magnifiquement mis en scène par Louis Malle), Drieu met fin à ses jours en 1945.


Kurt Koma:

« Les juifs, racialement, sont des monstres, des hybrides, des loupés tiraillés qui doivent disparaître. [...] Dans l’élevage humain, ce ne sont, tout bluff à part, que bâtards gangréneux, ravageurs, pourrisseurs. Le juif n’a jamais été persécuté par les aryens. Il s’est persécuté lui-même. Il est le damné des tiraillements de sa viande d’hybride. » (L’Ecole des cadavres, Paris, Denoël, 1938, p. 108).

Erstaunlich, dass sich die Biographien von Drieu de la Rochelle und Céline so ähneln. Beide waren enttäuschte Idealisten, die sich intellektuell irgendwann ins totale Abseits bewegt haben. Beide zuerst Kommunisten, dann Faschisten. Bei Céline muss der Umschwung nach seiner Russlandreise gekommen sein, von der er so maßlos enttäuscht war, dass er mit „Mea Culpa“ ein anti-kommunistisches und antisemitisches Pamphlet veröffentlicht hat. Den Antisemitismus hat er meiner Meinung nach schon immer in sich getragen, ich erinnere mich da einer Passage in der Reise, wo er abwertend von „jüdischer Niggermusik“ geschrieben hat. Die Entwicklung seines radikalen, fast psychotischen Antisemitismus fiel aber wohl erst mit seiner Enttäuschung über die sowjetischen Verhältnisse zusammen.

Hier noch ein wirkliches Paradox: Vorhin habe ich mir die französische Wikipedia-Version über Céline durchgelesen, wo zwei seiner medizinischen Aufsätze besprochen werden. In einem lobt er unter anderem den Fordismus, den er ja in die Reise so sehr kritisert!, und in dem anderen fordert er so eine Art „police médicale“, die in den Unternehmen für die „rectification intellectuelle“ der Arbeiter zuständig sein sollte. Diese Artikel datieren scheinbar von 1928 (die Reise erschien 1932). Eine Erklärungsmöglichkeit ist, diese Artikel als Verarsche zu lesen – eine andere wäre vermutlich, Céline den Verstand abzusprechen, da sich ein derartiger geistiger Wandel, zu dem er ja theoretisch fähig war, was seine Drehung vom Kommunismus zum Faschismus beweist, einfach meiner Vorstellungskraft entzieht.


Donnerstag, 16. August 2007

Henry Miller (* 1891; † 1980)


"Ich hatte Gott nicht nötiger als Er mich, und wenn es einen gäbe, sagte ich mir oft, würde ich ihm ruhig entgegentreten und Ihm ins Gesicht spucken" (Tropic of Capricorn).


Kurt Koma:

Henry Miller gehört für mich auf jeden Fall zu den wichtigsten literarischen Einflüssen meiner Jugend. Von Bukowski kam ich irgendwann fast automatisch zu Miller, den ich der klassischen Adoleszenzliteratur zuschreiben würde.

In seinen autobiographischen, in der ersten Person geschriebenen, Büchern, ob „Tropic of Cancer“, Tropic of Capricorn oder „Quiet Days in Clichy“ wird ein Lifestyle propagiert, der wohl als das pure Gegenteil der bürgerlichen Norm gelten kann. Und genau in dieser Hinwegsetzung über das Gut-Bürgerliche, in den lebensbejahenden, tagebuchhaften Anekdoten Millers, die einem meist etwas ungeordnet erscheinen, liegt die Faszination dieses Autors. Kurz gesagt: Miller führt ein Leben des radikalen Hedonismus, das die Wenigsten von uns führen und daher speziell auf junge Menschen so unglaublich anziehend wirkt.

Für mich war Miller immer mein positives Gegengift zu suizidalen Gedanken und zu Literatur von Thomas Bernhard oder Michel Houellebecq. Dieser extreme, nihilistische Hedonismus – wenn Miller sich freut, wenn einer seiner Freunde stirbt, nur weil er ihm Geld schuldete oder wenn er sich in „Tropic of Cancer“ über den Tod eines Bekannten köstlich amüsiert, da dessen Tod genau so lächerlich sei, wie sein ganzes Leben verlaufen war – überschreitet einerseits moralisch gesehen die Grenze des guten Geschmacks, wirkt andererseits aber ungemein anziehend.

Von Zeit zu Zeit geht einem diese Selbstinszenierung Millers natürlich auch auf die Nerven. In „Sexus“, einem seiner schwächsten Bücher, beschreibt er in lustigem Tonfall, wie seine Frau versuchte, sich umzubringen, während er mit seiner Geliebten schlief. In diesem Roman stilisiert er sich selbst zu einem unsympathischen, sexbesessenen Egomanen, dem die Folgen seines Handelns absolut gleichgültig sind und einzig und allein sein persönliches Genussmoment von Bedeutung ist. Diese zugegebenermaßen abstoßende Art seines Wesens, die in manchen Passagen – vor allem Sexus – zu Tage tritt, schmälert aber nicht wirklich die Außergewöhnlichkeit seines Werks und die Anziehung von Millers propagiertem Lebensmodell.


Marco:

Henry Miller, pour moi, c'est avant tout des livres qui regorgent d'une force incroyable: une écriture riche et dynamique, un langage des fois très cru, mais surtout le passage à témoin d'un art de vivre (je pense surtout à ses deux Tropiques et à Jours tranquilles à Clichy). En ce qui concerne Sexus, il est vrai que la surenchère d'auto-personnification de Miller peut lasser, mais ce livre est un coup-de-pied au cul du monde bien pensant, et l'exagération inhérente à ce bouquin permet à Miller de faire passer sa philosophie de vie, de manière certes bien moins subtile que dans d'autres de ses oeuvres. Par ailleurs, les deux autres oeuvres de cette trilogie (à savoir Nexus et Plexus) laissent transaparaître un autre homme, un Miller oscillant entre phases euphoriques et profondes dépressions, celui qui tombe follement amoureux de Mona et qui cette fois n'est point manipulateur mais le manipulé, celui qui dépeint ses amis sans concession mais parfois aussi avec une grande tendresse... Anaïs Nin déplorait souvent que finalement Miller bâtissait un personnage dans ses livres qui n'était pas vraiment lui et je pense que pour cerner au mieux le personnage, il faut faire la part des choses de ce que l'on trouve dans ses oeuvres.
Ce qui définit vraiment Miller pour moi, c'est donc ce "je m'en foutisme" matériel et quelque fois il est vrai émotionnel couplé à une infinie soif d'aventure et de connaissance, et surtout cette perpétuelle recherche de soi-même. Rares sont les livres capables d'insufler une nouvelle énergie dans nos vies, mais quelques oeuvres de Miller en font assurément partie.

P.S. : Le passage du début du Tropique du Capricorne que tu as choisi fait également partie de mes citations préférées, mais c'est surtout tout le début de ce livre que je trouve absolument magnifique et génial (le meilleur début de livre tous confondus pour moi pour l'instant).


Kurt Koma:

Definitiv hast Du mit deiner Theorie Recht, dass Miller zu den wenigen Autoren gehört, die uns inspirieren und einen Einfluss auf unser Leben haben können. Selten hab ich Bücher gelesen, die so einen Lebensdrang ausstrahlen können und dies auch noch auf einen selbst übertragen können. Dies in Kombination mit der Hinwegsetzung über gesellschaftliche Zwänge macht seinen Reiz aus.

Den „materiellen Nihilismus“ kann ich auch bestens nachvollziehen und befürworte ihn auch – nur stoße ich bei Miller, wie gesagt, in manchen Bereichen an meine Toleranzgrenze. Wie Du ja geschrieben hast, stellt sich Miller in den zwei anderen Romanen seiner Trilogie (Plexus und Nexus) als absolut anders, als gefühlvoll und gütig dar. Ich denke, dass einerseits diese extreme Emotionalität und andererseits dieser „emotionale Nihilismus“ ein inneres Miller’sches Paradox bilden, wobei diese charakterlichen Extremformen natürlich nicht mit der Person Henry Miller gleichgesetzt werden dürfen (wie hätte Anaïs das auch aushalten sollen?).

Es muss wohl seine innere Zerrissenheit gewesen sein, die ihn zu dieser zwiespältigen Darstellung gezwungen hat, und man sollte sich diese selbstinszenatorischen Passagen wohl nicht so zu Herzen nehmen…. Andererseits komme ich des öfteren zum Gedanken, dass dieser Teil seiner literarischen Persönlichkeit, den er in Sexus auf die Spitze getrieben hat, sein restliches Werk in irgendeiner Form diskreditiert. Ich glaube, dass Sexus auch das letzte Buch war, das ich von ihm gelesen habe, womit ich vielleicht den Fehler begangen habe, Sexus als eigenständiges, in sich schlüssiges und abgeschlossenes Werk zu betrachten und nicht als Trilogie, wie es von Miller ja gedacht war.



Mittwoch, 15. August 2007

Thomas Wolfe (* 1900, † 1938): You Can't Go Home Again ("Es führt kein Weg zurück")



You Can’t Go Home Again – zu Deutsch “Es führt kein Weg zurück” ist das letzte, 1940 posthum erschienene Werk von Thomas Wolfe. Zum ersten Mal hörte ich von Wolfe, als ich das Drehbuch von Taxi Driver las, dem folgender monumentaler und für den Film programmatischer Satz Wolfes vorangestellt ist:

„The hole conviction of my life now rests upon the belief, that loneliness, far from being a rare and curious phenomenon, is the central and inevitable fact of human existence”.

So passend dieser Satz für den Film war, so treffend charakterisiert er auch den Kern seines epischen Romans „You Can’t Go Home Again“. Als auktorialer Erzähler berichtet Wolfe vom Leben und Denken seines alter ego, George Webber, der unsere Gesellschaft und damit auch die menschliche Natur aus der Distanz des sensiblen Außenseiters heraus analysiert.

Webbers Einsamkeit – er lebt in einer mehr oder weniger selbstgewählten Isolation – wird einerseits als schmerzhaft, andererseits aber auch als notwendig, als Quelle der Klarheit und der schöpferischen Kraft des Künstlers beschrieben.

Wolfes Einsamkeitsbegriff ist jedoch ein Allumfassender und in keinster Weise auf den Künstler beschränkt. Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung treffen alle gleichermaßen: den tierischen, instinktgeleiteten Proletarier, der um sein materielles Überleben kämpft, den reichen Bankier der Wallstreet und den am Weltschmerz vergehenden Schriftsteller, der es laut Wolfe aber noch etwas besser hat, da er die Fähigkeit besitzt, sein Unglück und seine Verzweiflung in Worte zu fassen.

You Can’t Go Home Again ist eine Analyse der menschlichen Natur, die sich mit jedem präsentierten Ort und Charakter wie ein Puzzle ein Stück weit mehr zusammensetzt. Von der Stadt zur Provinz, von der New Yorker upperclass zu den Aussätzigen im dreckigen Brooklyn der 30er Jahre – auch das als „krank“ bezeichnete Deutschland unter Hitler, das Wolfe 1936 selber bereiste, findet seine prägnante und hellsichtige Beschreibung.

Der Roman schließt mit einem Brief Webbers, der sich wie eine Art Statement, eine Zusammenfassung seiner Geschichte, Philosophie und Motivation liest. Mit der Ich-Perspektive des Briefes überwindet Wolfe die Distanz zwischen seinen Gedanken und dem Leser – es offenbart sich einem sein von tiefem Idealismus durchdrungener Glauben an den Menschen, den er trotz allem niemals verloren hat.